16.11.2010

Schneller, als die Evolution erlaubt

Die Lebenswelt des Menschen hat sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten so rasant verändert, wie nie zuvor. Doch die technischen Neuerungen haben mitunter negative Auswirkungen auf die Gesundheit. „Das Alarmsystem unseres Körpers konnte mit dem Fortschritt nicht mithalten”, sagt Prof. Dr. med. Benedikt J. Folz, Chefarzt der HNO-Klinik des Medizinischen Zentrums für Gesundheit (MZG) in Bad Lippspringe. Dass dies auch bei den heutigen Diagnosen berücksichtigt werden muss, war ein Ergebnis des Klinischen Nachmittags „Psychosomatik in der HNO-Heilkunde”, der jetzt von Benedikt Folz veranstaltet wurde.
Die Haupt-Referentin des Nachmittags, Dr. med. Astrid Marek, Fachärztin für HNO-Heilkunde an der Universitätsklinik für HNO-Heilkunde und Kopf- und Halschirurgie der Ruhr-Universität Bochum, brachte für diese Hypothese Beispiele: „In der Steinzeit war das menschliche Ohr nachts das einzige verlässliche Warninstrument. Ein unbekanntes Geräusch löste eine Angstreaktion aus.”
Astrid Marek erklärte, dass aus diesem Grund Ohrgeräuscherkrankungen der modernen Menschen aus psychosomatischer Sicht den Angststörungen zuzuordnen sind.
Ärzte müssten bei der Erstellung einer Diagnose die Evolutionsbiologie einbeziehen. „Viele Störungen der Gesundheit basieren auf psychischen Fehlregulierungen”, sagt Benedikt Folz. „Psychoanalyse und Verhaltenstherapie können wichtige Instrumente sein, um den Menschen zu helfen.”
Voraussetzung ist jedoch, dass zuvor alle körperlichen und somit durch Medikamente zu behandelnden Leiden ausgeschlossen werden.
Eine intensive Befragung der Betroffenen sei dazu eine Grundlage. Diese Zeit fehlt Ärzten heute jedoch oftmals im Arbeitsalltag.
Das große Interesse am Klinischen Nachmittag unterstrich die Aktualität des Themas. Rund 70 Teilnehmer, darunter HNO-Ärzte, Allgemeinmediziner, Psychologen, Logopäden, Psychotherapeuten und Betroffene, waren der Einladung nach Bad Lippspringe gefolgt.
„Wir wollen dieses Thema zukünftig nochmal aufgreifen, um unsere Patienten umfassender betreuen zu können”, blickt Benedikt Folz in die Zukunft.

Schneller, als die Evolution erlaubt

Prof. Dr. med. Benedikt J. Folz (links) und Dr. med. Astrid Marek begrüßten im Rahmen des Klinischen Nachmittags zahlreiche Gäste.
Foto: Claudia Reichstein