Hovseps Weg zurück in den Alltag in der Teutoburger-Wald-Klinik
Hovsep ist zwölf, spielt Fußball und bewundert Cristiano Ronaldo. Nach einem schweren Unfall beginnt für ihn in der Teutoburger-Wald-Klinik der Weg zurück in den Alltag. Eine Geschichte über kleine und große Fortschritte – und über ein Team, das ihn auf diesem Weg begleitet.
Wer zwölf Jahre alt ist, denkt normalerweise nicht darüber nach, was alles zu einem ganz normalen Tag gehört. Zur Schule gehen. Freunde treffen. Nachmittags zum Fußballtraining fahren. Auch für Hovsep gehörte all das einfach dazu.
Seit einigen Wochen ist das anders. Statt zum Fußballtraining geht Hovsep morgens zur Physiotherapie. Statt sich mit Freunden zu verabreden, verbringt er seine Tage in der Teutoburger-Wald-Klinik in Bad Lippspringe.
Hovsep besucht die sechste Klasse des Goerdeler-Gymnasiums in Paderborn. Nachmittags trainiert er beim TSV Wewer und bewundert Cristiano Ronaldo. An einem Mittwoch im April möchte er nach der Schule noch den Linienbus erreichen.
Für Hovsep endet dieser Tag anders. Er stolpert und gerät unter den fahrenden Linienbus. Wenig später bringt ihn ein Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik nach Bielefeld.
Als seine Eltern die Intensivstation betreten, hören sie einen Satz, auf den niemand vorbereitet ist. „Uns wurde gesagt, dass Hovsep es vielleicht nicht schafft.“ Von diesem Tag an bestimmen Operationen, Arztgespräche, Visiten und Therapien den Alltag der Familie. Tagelang dreht sich alles um eine Frage: Schafft er den nächsten Eingriff, die nächste Stunde, den nächsten Tag?
Als die akute Phase vorüber ist, verändert sich der Blick. Die Ärzte sprechen über Belastung und Beweglichkeit. Die Eltern fragen sich, was ihr Sohn wieder allein kann.
Und Hovsep merkt, was ihm fehlt. „Am meisten vermisse ich Fußball“, sagt er. Seit dem Unfall hat Hovsep kein Training mehr besucht. Die Spiele seiner Mannschaft verfolgt er aus der Ferne. Er vermisst die Nachmittage auf dem Platz, die Zeit mit seinen Freunden und einfach loszugehen, ohne darüber nachzudenken.
Wenn Hovsep über die Zeit nach der Rehabilitation spricht, geht es ihm nicht um große Pläne. „Ich möchte wieder rennen und laufen.“
Ein Wunsch, den viele Menschen in einer orthopädischen Rehabilitation teilen. Bei einem Zwölfjährigen bekommt er jedoch eine andere Bedeutung. „Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener“, sagt Daniela Schiefer, Chefärztin der Teutoburger-Wald-Klinik / MZG-Westfalen.
Als der Reha-Antrag für Hovsep in Bad Lippspringe eingeht, stellt sich deshalb zunächst eine grundsätzliche Frage: Kann eine auf Erwachsene spezialisierte Rehaklinik einem zwölfjährigen Jungen überhaupt gerecht werden?
Kinder befinden sich noch in einer Entwicklungsphase – körperlich, emotional und sozial. „Wir mussten uns fragen, was Hovsep in dieser Situation braucht“, sagt Daniela Schiefer. In Hovseps Fall reicht es nicht, nur auf die Verletzungen zu schauen. Auch die Verarbeitung des Unfalls spielt eine Rolle. Ebenso die Frage, wie ein Zwölfjähriger wieder Vertrauen in den eigenen Körper gewinnt.
An seinen ersten Tag in der Reha erinnert sich Hovsep noch genau. Er war aufgeregt, wollte alles sehen und am liebsten sofort anfangen. Inzwischen kennt er die Wege durch die Klinik. Besonders gern trainiert er auf den Fahrrädern im Fitnessraum. Anfangs konnte er sein Knie nur etwa 40 Grad beugen. Heute sind es 80. Mehr als 100 Grad möchte er schaffen.
Während einer Therapieeinheit liegt Hovsep mit seinem Bein auf einer Motorschiene. Neben ihm übt eine ältere Frau dieselbe Bewegung. Sie kann ihr Knie weiter beugen als er. Hovsep schaut hin. Sie bemerkt seinen Blick.
Sie erzählt ihm, wie schwer ihr dieselbe Übung am Anfang gefallen ist. Damals, sagt sie, habe sie nicht einmal die Hälfte von dem geschafft, was Hovsep heute schon könne. Er muss lachen. Die Begegnung dauert nur wenige Minuten. Trotzdem bleibt sie ihm in Erinnerung.
„Man muss lernen, ihm wieder etwas zuzutrauen“, sagt Hovseps Vater. Nach dem Unfall wollten seine Eltern ihren Sohn bei jedem Schritt unterstützen. Beim Aufstehen, beim Anziehen oder auf dem Weg zur Toilette. Heute geht vieles wieder allein. Nur wenn Hovsep etwas Schweres tragen möchte, helfen sie ihm noch.
Mit jedem Fortschritt verändert sich deshalb auch die Rolle der Eltern. Manchmal gehe es darum, einen Schritt zurückzutreten und abzuwarten. Zu sehen, was wieder allein gelingt.
Für Hovsep zeigt sich das im Tagesablauf. Er steht wieder allein auf, zieht sich selbst an und geht manche Wege durch die Klinik inzwischen ohne Hilfe.
Wenn Hovsep über die Zeit nach der Rehabilitation spricht, denkt er an sein Zuhause. An sein eigenes Zimmer. An seine Schwester. An Freunde, die er nicht nur am Telefon hört. Und natürlich an den Fußballplatz.
Es gibt noch etwas, das Hovsep beschäftigt. Irgendwann wird er wieder Bus fahren müssen. So wie vor dem Unfall. Bis dahin wird noch Zeit vergehen. Doch die Vorstellung ist längst wieder Teil seiner Pläne.
Mit zwölf Jahren sollte man andere Pläne haben. Aber manchmal beginnt ein Plan genau dort: an einer Bushaltestelle.
